Dokumentation Mittwoch Workshops

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  • Prekär Café zu Wissensarbeit am #sbsmCamp

    für den ersten Camptag am späteren Nachmittag angesetzt, was eine Broschürenpräsentation und anschließende offene Diskussion zu «Wissensarbeit: Prekär: Organisiert:». Die Herausgeber_innen – IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen, Linkes Hochschulnetz, PrekärCafé und Squatting Teachers – stellen die Broschüre vor. Vor Ort gab es einen ganzen Karton des schönen Hefts mit gut 60 Seiten, hier bei der Ankündigung dieses Programmpunkts kann sie online durchgeblättert und heruntergeladen werden.

    Die ausführliche Diskussion dreht sich um alle Variationen von – Wissensarbeit : prekär : organisiert // Wissensarbeit : prekär organisiert // Wissensarbeit prekär : organisiert.

    Hier meine Notizen vom camp …
    Die Broschüre, erschienen anlässlich 15 Jahre IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen, ist ein Kooperationsprojekt, das nicht den Abschluss der theoretischen und praktischen Auseinandersetzungen mit und um Wissensarbeit darstellt, sondern den momentanen Stand der Diskussion dokumentiert. Versammelt werden widerständige, sich den herrschenden Wissens-Prduktionsverhältnissen widersetzende Geschichten, Manifeste und Positionierungen ebenso wie ältere Texte zur unibrennt Bewegung. In allen Beiträge – ob nun Erfahrungsberichten, Dokumentationen oder Manifeste – werden Fragen nach der Produktion und Verwaltung von Wissen verhandelt: Was heißt Wissen? Wer, welche Institutionen, verfügen über die Verhältnisse zur legitimierten, legitimierenden Wissensproduktion? Wo wird Wissen produziert? Was bedeutet es, von Wissensarbeit zu sprechen? Wer leistet Wissensarbeit? Unter welchen Bedingungen?

    Wissensarbeit prekär: organisiert

    Wissen wird nicht nur in akademischen Kontexten produziert, sondern auch in sozialen Bewegungen.

    Input Squatting Teachers.
    Die Squatting Teachers sind als Arbeitsgruppe aus der unibrennt Bewegung 2009 hervorgegangen – Lehrende, die sich mit den Studierenden solidarisiert haben. Nach den unibrennt Protesten ist die Frage, ob es überhaupt noch ein Kollektiv außerhalb der unibrennt Bewegung gibt, immer wieder aufgetaucht: Wer und in welchen Verhältnissen ist repräsentativ für die Squatting Teachers? Während der unibrennt Plena hat sich gezeigt, wie heterogen die Gruppe der Wissensarbeiter_innen im Grunde ist.

    Die prekären Vertragsverhältnisse an den Unis werden im Hinblick auf die neoliberalen Verhältnisse betrachtet: TINA Selbstverständlichkeiten, sich sich auch in der Wissensarbeit niederschlagen, die aufgezeigt und ausgehebelt werden sollen. Im Zuge des Bologna Prozesses hat sich auch die Auffassung von Bildung verändert – was heißt Bildung in diesem Zusammenhang und wie können alternative Bildungskonzepte aussehen, artikuliert und umgesetzt werden? Während der unibrennt Bewegung ist vor allem der übliche, der eingefleischte Ablauf an den Unis gestört worden: durch Besetzung und Streik, in Form von alternativer Lehre (Lehrveranstaltungen im öffentlichen Raum, Diskussionen über die herrschenden Verhältnisse in den Lehrveranstaltungen, gemeinsam mit den Studierenden verfasste Artikel und Petitionen …)

    Input PrekärCafé.
    Das Prekär Café ist 2009 aus der EuroMayDay Bewegung entstanden und fokussiert auf die Auseinandersetzung mit der Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen. Partikuläre, von den traditionellen Arbeitnehmer_innen-Vertretungen ausgeklammerte, d.h. nicht berücksichtigte und nicht artikulierte, Interessen und Positionen werden organisiert. Einmal im Monat, jeden ersten Dienstag, findet das Café im W23 statt – Raum für theoretische Debatten, praktische Fragen // Antworten, die Entwicklung gemeinsamer Strategien.

    Debatte: Wissensarbeit : begrifflich organisiert

    Soziale Bewegungen gewährleisten die Lebendigkeit der Begriffe. Wir schreiben die herrschenden Verhältnisse nicht fest – wir schreiben sie um!

    Der Begriff ‘Wissensarbeit’ soll, angesichts der sehr heterogenen Gruppe von Wissensabeiter_innen, die Basis bilden für ein solidarisches Wir – nicht als ein ein für alle Mal festgeschriebener Begriff, sondern als ein weiter zu verhandelnder.
    WissensARBEIT hat einen realen und entsprechend zu entlohnenden Wert. Die sehr oft leeren Versprechen, die unangemessene Bezahlung und/oder die prekären Arbeitsverhältnisse durch die Akkumulation von symbolischem Kapital kompensieren zu können (die Karotten, die vor den Nasen von dienstrechtlich schlecht gestellt Wissensarbeiter_innen baumeln…), führen zu einer relativ hohen Bereitschaft, die herrschenden Wissensproduktionsverhältnisse hinzunehmen.

    Deshalb: Sich als Arbeiter_innen verstehen und organisieren. Außerdem handelt es sich bei Wissensarbeiten um Tätigkeiten mit hoher Tendenz zur Selbstausbeutung. Deshalb die Betonung darauf, dass es sich bei wissenschaftlichem Arbeiten eben: um Arbeit handelt.

    Eine Möglichkeit, sich mit diesen Fragen eines Selbstverständnisses der Wissensarbeiter_innen auseinanderzusetzen – Wissensarbeiter_innen als Wanderarbeiter_innen betrachten. Wanderarbeiter_innen waren in den USA Ende des 19. Jhs relativ gut organisiert – in diesem Sinn auch Möglichkeiten, sich über Branchengrenzen und traditionelle Standesvertretungen hinausgehend zu organisieren.

    Der Begriff ‘Wissensarbeit’ hebt auch althergebrachte akademische Standes-Unterschiede (Lektor_innen, Dozent_innen, Professor_innen, aber auch Lehrende / Studierende) auf und macht sie verhandelbar. In dieser Hinsicht gibt es auch Vorbehalte: «Um den Begriff Wissensarbeit zu verwenden, da muss man* noch viel arbeiten» – nämlich am Arbeits-Begriff allgemein: mit ‘Arbeit’ wird an manchen Stellen immer noch ausschließlich Lohnarbeit bezeichnet. Die vorwiegend unbezahlte studentische Wissensarbeit würde in diesem Sinne abqualifiziert werden.

    Debatte Wissensarbeit : prekär organisiert

    … traditionelle Standesvertretungen und klassische Protestformen

    Die rechtlichen Grundlagen für Uni-Betriebsräte müssen im Hinblick auf Lektor_innen und dringend geändert werden: wer nicht durchgehend angestellt ist, kann bei momentan geltender Gesetzeslage nicht in den Betriebsrat (ab einer ‘Anstellungspause’ von drei Monaten hat mensch den Betriebsrat zu verlassen).

    Die Universität als eine gewerkschaftsfreie Zone: die Standesvertretung (GÖD, Gewerkschaft öffentlicher Dienst) hat einen Mitglieder-Anteil (Uni Wien) von 4%: die GPA (Gewerkschaft der Privat Angestellten, Druck – Journalismus – Papier) ist aufgrund der Dienstverhältnisse höher repräsentiert. Allerdings kann/ darf sich diese nicht in einem größeren für die an den Unis angestellten Wissensarbeiter_innen zuständig fühlen: die Gewerkschaftsterritorien sind in Österreich klar abgesteckt – die Universitäten liegen (eben nur aus dieser Sicht) eindeutig auf dem Gebiet der GÖD.
    Welche Möglichkeiten gibt es nun, dass die GPA, die de facto für die nach dem UG 2002 Angestellten der Universitäten zuständig ist, sich auch zuständig fühlt und vor allem zuständig zeigt?

    «Wenn ihr euch nicht um uns Wissensarbeiter_innen kümmert, ist das unsere Schwächung aber euer Ende!»

    Wissensarbeiter_innen sind kein typisches Gewerkschaftsklientel, allerdings: angesichts der herrschenden Verhältnisse verändert sich das Gewerkschaftsklientel in allen Bereichen. Prekäre Arbeitsverhältnisse lediglich in einer Interessensgemeinschaft (work@flex) zusammenzufassen, ist zu wenig: wäre es möglich/ lohnenswert, Ideen und Organizing-Projekte an die Gewerkschaften herantragen, insofern in die Gewerkschaften hineinzugehen, um schließlich “bis zur Spitze”, bis zu den Entscheidungsträger_innen durchzudringen?
    Vage Zustimmung, große Skepsis.

    «Wie gründet man* eine Gewerkschaft?»

    Angesichts der bis dato in den Gewerkschaften völlig unterbelichteten atypischen Arbeitsverhältnisse gibt es zu viele Kompetenz-Fragen und Diskrepanzen, deshalb: gibt es Wege, sich unabhängig von den etablierten Gewerkschaften ‘auf eigene Faust’ gewerkschaftlich zu organisieren? Und wären Generalstreiks als klassische Protestform adäquate Mittel? Es ist schwierig, als Wissensarbeiter_in die Arbeit über längere Zeit niederzulegen (laufende Lehre und laufende Forschung…).

    Im Grunde scheinen also die traditionellen Standesvertretungen nicht in der Lage, Wissensarbeiter_innen entsprechend zu unterstützen und zu organisieren: ob eine gewerkschaftliche Selbst-Organisation möglich und sinnvoll sein könnte bleibt ebenso weiter zu diskutieren wie andere Formen, sich – als Wissensarbeiter_innen – zu organisieren, zu artikulieren.

    und hier noch ergänzend eingebettet, der Bericht im Augustin von Katharina Fritsch:

    Bericht im Augustin zur «Wissensarbeit: prekär: organisiert» Präsentation am #sbsmCamp