19.10. Podiumsdiskussion Programm

  • Autor

    Avatar Image
    Avatar Image
    Avatar Image
  • “Postjournalismus?” – Produktionsbedingungen im Mediensystem

    Wie haben sich die Arbeitsbedingungen in den Journalist_innenberufen verändert? Welche Abhängigkeiten ergeben sich daraus? Wie können Journalist_innen dem Trend zum Infotainment entgegenhalten? Wie lässt sich die Grenze zwischen PR und Journalismus aufrecht erhalten?

    Dazu diskutieren Sonja Bettel (Ö1), Sonja Fercher (freie Journalistin), Yilmaz Gülüm (Journalist und Blogger, dastandard.at, nonapartofthegame.eu), Michel Reimon (Politiker – Die Grünen) und Wolfgang Weber (Videoblogger, wientv.org) über die veränderten Produktionsbedingungen im Mediensystem. Moderation Michael Schmid (FM4/Ö1).

    Mittwoch, 19.10.2011, 15:00 bis 16.30 Uhr

    Seit sich das Internet für den Großteil der Menschen der westlichen Industriestaaten als Informationsquelle Nummer eins etabliert hat, zeigen sich die traditionellen Medien irritiert. Nicht nur die ökonomische Legitimation von Print, TV und Radio ist ins Wanken geraten, auch Meinungsproduktion findet vermehrt über Blogs und Social Media statt.

    Die Reaktion der traditionellen Medienhäuser auf die – gar nicht mehr so neue – Bedrohung aus dem Netz ist unterschiedlich. Die einen setzen weiterhin auf Qualität, kritische Berichterstattung und aufwändige Recherche. Sie bewerten das Internet als Chance und beginnen langsam die interaktive Qualität des Internets zu nutzen.

    Der weitaus größere Teil der traditionellen Medienkonzerne scheint nur eine Antwort auf den verstärkten ökonomischen Druck zu kennen: eine Vergrößerung der Auflagen und Reichweiten. Gleichzeitig beeinflusst der Umbruch in der Medienlandschaft auch den Journalist_innenberuf.

    Von den geschätzten 6.300 Stellen für Journalist_innen in Österreich werden jährlich nur etwa 100 bis 120 durch natürlichen Abgang frei. Demgegenüber drängen immer mehr Absolvent_innen von journalistischen Ausbildungen in die Redaktionen: Rund siebenmal so viele Leute streben einen journalistischen Beruf an (Quelle: DerStandard). Durch die “Generation Praktika” kommt es in Medienberufen längerfristig zu einem Lohndumping unter dem wiederum die Qualität der Berichterstattung leidet.

    Vor allem so genannte “freie Mitarbeiter_innen” sind verstärkt unter Druck. Sie arbeiten unter denselben Verpflichtungen wie klassische journalistische Arbeitnehmer_innen, sind allerdings rechtlich und finanziell schlechter gestellt.

    Innerhalb konservativer Diskurse wird “das Internet” gerne zum Sündenbock für diese Entwicklung erklärt. Doch läuft dieser Prozess schon seit den 1980er Jahren. Durch ständige Medienkonzentration (WAZ, Mediaprint) und die zunehmend kommerzielle Ausrichtung von Funk und TV wurde die Arbeitgebermacht in den großen Konzernen konzentriert.

    Postjournalismus
    Kritiker_innen dieser Entwicklung fürchten, dass der Journalismus auf Dauer nicht mehr in der Lage wäre, seine Kernaufgabe als demokratiepolitisches Korrektiv (als vierte Säule der Demokratie) ausreichend wahrzunehmen. Der Ex-Journalist und Politiker Michael Reimon verwendet dafür den Begriff “Postjournalismus”. Angelehnt an den Begriff “Postdemokratie” des britischen Soziologen Colin Crouch (2008) beobachtet er eine verstärkte Boulevardisierung der Redaktionen, Infotainment als journalistische Normalform, eine steigende Macht von Anzeigenabteilungen und Geschäftsführungen gegenüber den Redakteur_innen, eine zunehmende Grenzverwischung zwischen PR und Journalismus und die Konzentration der klassischen Massenmedien in wenigen Konzernen.

    Hier ist die Aufzeichnung dieser Debatte im #sbsmTV-Blog anzusehen.